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Gemüsegarten

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Gemüse braucht Blüten

Alle reden davon, mehr Blüten in den Garten zu bringen. Aber wie sieht es im Nutzgarten aus? Dort spielen weniger hübsche bunte Blumen, sondern vielmehr Gurken, Kohl, Karotten und Obst die Hauptrolle. Kein Platz also für mehr Blütenreichtum? Oh doch, sagt Barbara Keller aus dem unterfränkischen Mainstockheim. Die Gärtnerin ist schon seit Jahren in Sachen Vielfalt unterwegs, in ihrem 500 m2 großen Nutzgarten muss das Gemüse sogar blühen, und das aus mehreren Gründen. Welche das sind, hat sie uns genauer erklärt. Und viele Tipps dazu gegeben.

Blühendes Gemüse

Blühender Lauch? Ja gut, im Staudenbeet, zur Zierde. Sieht schließlich super aus, wenn sich die dicken Blütenkugeln öffnen. Bei Barbara Keller blüht der Lauch auch. Aber nicht der Zier-, sondern der Gemüselauch. Der Lauch-Maskenbiene ist das egal, die ist froh um jede Lauch- und Zwiebelblüte und kommt deshalb auch in den großen Nutzgarten zu Besuch. Natürlich baut die gelernte Gärtnerin in ihrem privaten Garten ihr Gemüse in erster Linie zur Selbstversorgung an. Doch sie setzt ausschließlich auf samenfeste Sorten und vermehrt das Saatgut weiter. Deshalb dürfen und müssen Salat, Kohl und alle anderen auch zum Blühen und dann zum Samenbilden gebracht werden.

„Ein Gemüsegarten braucht die Vielfalt, davon profitieren Insekten und Menschen“

Gegenspieler fördern

„Wer selbst Saatgut gewinnt, tut damit gleichzeitig etwas für Insekten, sagt Barbara Keller, „denn die interessieren sich ja auch für Gemüseblüten“. Alle Dolden- und Lippenblütler, zu denen übrigens auch viele Kräuter gehören, sind Insektenmagneten, hat sie beobachtet. Sie achtet grundsätzlich darauf, möglichst viele anziehende Blüten im Garten zu haben, „schließlich sind Insekten zu einem nicht unerheblichen Teil Nützlinge“. Dill und Fenchel sind besonders begehrt, auch alle Kreuzblütler, wie Rucola oder das ganze Kohlgemüse. Aber sie nutzt auch die Pflanzeneigenschaften für das natürliche Zusammenspiel im Garten: Bohnenkraut pflanzt sie nicht nur zu Bohnen, um dort die Läuse abzuhalten, sondern lässt es im ganzen Garten verteilt stehen, „denn ich habe festgestellt, dass ich damit insgesamt weniger Läuse habe.“ Auch Ringelblumen oder Tagetes tun dem Garten gut, wenn sie sich wie ein Netz im Garten ausbreiten dürfen. „Sie haben viel Insektenbesuch, erfrischen den Boden und halten Nematoden ab. Außerdem gehören sie zur Familie der Korbblütler und bringen Abwechslung in die Pflanzenfamilien im Gemüsegarten. Das ist wichtig, um Krankheiten zu reduzieren“, erklärt Barbara Keller. Und Kräuter nur ins Kräuterbeet zu verbannen, findet sie schade. In ihrem Garten dürfen Dill und Co. überall dort „herumgeistern“, sich also aussäen, wo sie nicht stören. Denn dann tun sie gleich an der richtigen Stelle wertvolle Dienste als Nützlingsförderer.

Kohl ist nicht gleich Kohl

Beim Blick in den Keller’schen Nutzgarten offenbart sich ein Reich der Vielfalt. Natürlich wachsen hier alle Gemüse-und Obstklassiker, die vierköpfige Familie versorgt sich damit vom zeitigen Frühjahr bis zum ausgehenden Winter. Allerdings ist hier Blaukraut nicht gleich Blaukraut. Denn die Sortenvielfalt der einzelnen Gemüsearten ist enorm und birgt geschmackliche Offenbarungen, findet Barbara Keller. Da sei es schade, immer nur die gleiche Standardsorte anzubauen. Die unterschiedlichen Sorten erlauben es außerdem, diejenige zu finden, die sich für den jeweiligen Standort am besten eignet. Das ist ja auch der große Schatz der Sortenvielfalt, der über Generationen hinweg weitergegeben wurde. Und noch ein unschlagbares Argument hat Barbara Keller auf Lager: Samenfeste Sorten haben die Fähigkeit, sich im Verlauf von wenigen Jahren sowohl an den Standort als auch an das Gießverhalten des Gärtners anzupassen. Die neue Lieblingssorte lässt sich also sogar ein wenig erziehen. Das ist doch mal eine enge Bindung zwischen Gärtner und Gemüse.

Die eher unbekannten Schönen

Wer einmal damit begonnen hat, mit verschiedenen Gemüsearten und -sorten zu experimentieren, wird kaum mehr genug davon bekommen, so unterschiedlich und bereichernd sind die Geschmacksvarianten. Da ziehen dann auch Raritäten in den Garten ein, die zwar keine Riesenerträge bringen, aber gut schmecken und außerdem noch ganz besonders attraktiv sind: Haferwurzeln, die wie Schwarzwurzeln verwendet werden, eine attraktive purpurfarbene Blüte haben und sogar wie Austern schmecken sollen. Spargelerbsen mit zauberhaften burgunderroten Blüten, die im Geschmack – wie der Name schon vermuten lässt – an Spargel erinnern. Erdbeerspinat, der nicht nur schmackhafte Blätter hat, sondern kleine Früchte, die wie Walderdbeeren aussehen. Toll sind die im Salat oder zu Käse. Und nicht zuletzt die Gartenmelde, die es mit roten, gelben und grünen Blättern gibt und die sich zu mannshohen Türmen entwickelt. „Mein Lieblingsgemüse“, sagt Barbara Keller, „da stehen riesige Fackeln im Garten“. Die schmecken dann auch noch gut und tragen zur Vielfalt bei. Nutzgärten können so wunderschön sein. In jeder Hinsicht.

Barbara Kellers Tipps für einen vielfältigen Gemüsegarten:

  • Je mehr Vielfalt im Garten, desto besser klappt auch der Gemüsebau.
  • Samenfeste Sorten in großer Vielfalt anbauen. Viele Sorten ausprobieren, jede Sorte funktioniert an verschiedenen Standorten anders und schmeckt unterschiedlich.
  • Auch Kräuter bringen Blütenvielfalt. Nicht ins Kräuterbeet verbannen, sondern im ganzen Garten verteilen.
  • Stauden und Sommerblumen im Nutzgarten bereichern die Blütenvielfalt und ziehen viele Nützlinge an.
  • Gemüse zum Blühen bringen, um Samen zu gewinnen und um Nützlinge zu fördern.
  • Knoblauch hält andere Pflanzen gesund, denn er verhindert Pilzkrankheiten. Zum Beispiel zwischen Erdbeeren oder Tomaten pflanzen.
  • Schädlinge mechanisch bekämpfen, z.B. Bohnenläuse mit scharfem Wasserstrahl abwaschen.
  • Manchmal hilft Gelassenheit, bis die Marienkäfer kommen und das Läuseproblem erledigen.
  • Radieschen und Salat zusammen aussäen, der Salat hält Erdflöhe ab. Das funktioniert auch auf dem Balkon.
  • Karotten, Radieschen und Dill in die gleiche Reihe säen, Dill fördert die Keimung der Karotten und ist ein Insektenmagnet.

 

Zu unserer Expertin:

Barbara Keller aus Mainstockheim im unterfränkischen Landkreis Kitzingen arbeitet als Gärtnerin im Botanischen Garten in Würzburg. Die Vielfalt samenfester Gemüse- und Getreidesorten zu erhalten und weiter zu verbreiten sind ihr eine private Herzensangelegenheit, mehr noch: ein Lebensthema. 2011 hat sie das erste Saatgutfestival Deutschlands im unterfränkischen Iphofen initiiert, das bereits viele Nachahmer gefunden hat. In ihrem eigenen Garten baut sie eine große Vielfalt an alten und seltenen Gemüsesorten an, gewinnt Saatgut daraus und arbeitet kontinuierlich daran, dies weiter in den Gärten zu verbreiten. Ihren großen Wissens- und Erfahrungsschatz gibt sie in Vorträgen und auf Veranstaltungen gerne weiter. Weitere Informationen unter www.openhouse-site.de

 

Der Fenchel darf sich dort breitmachen, wo es ihm gefält. Foto: Barbara Keller
Wie Fackeln lodern die Gartenmelden im Gemüsegarten. Foto: Barbara Keller
Blüte der Spargelerbsen. Foto: Barbara Keller
Karotten ist nicht gleich Karotte. Foto: Barbara Keller