Natur und Landschaft
Lebensräume für Spinnen
Spinnen sind mehr als ihre Netze. Sie sind wichtige Strippenzieherinnen im unsichtbaren Nahrungsnetz der Natur. Ihnen den Garten wohnlich zu gestalten, hilft nicht nur gegen Mücken, sondern macht auch Igel satt. Keine Angst vor Spinnen also.
In alten Geschichten sind Spinnen weise Frauen, die Weberinnen der Zeit, der Schicksalsfäden. Modern betrachtet könnte man sie auch als Überfrauen und Übermütter bezeichnen, die erst ihren Mann verspeisen, nachdem der seine Schuldigkeit getan hat, und sich dann aufopferungsvoll um ihren Nachwuchs kümmern. Für die Erhaltung der Art ist dieser »Sex-Kannibalismus« durchaus sinnvoll. Besonders oft wird so etwas in Terrarien beobachtet. Hier kann das Männchen nicht weg. Oder hat wenig Möglichkeit ein Insekt zu fangen, um der werdenden Mutter etwas Gutes zu essen mitzubringen. Damit sie Energie hat fürs Eierlegen, Kokonbauen und hunderte wuselige Spinnenbabys zu beaufsichtigen. Oder er schenkt sich seiner Partnerin selbst. Der Lebenszyklus der Spinnenmännchen endet nach der Samenabgabe oft ohnehin. Dann können sie sich auch gleich in den Nachwuchs investieren – sehr fürsorgliche Väter.
Den Rest der Care-Arbeit übernehmen dann die Weibchen. Dabei neigen manche Arten, Wolfspinnen oder Listspinnen, schon fast zum Helikopterelternsein: Den Kokon mit den Eiern hängen sie nicht einfach irgendwo hin wie viele andere Spinnen. Sondern schleppen die dicke weiße Kugel tagein, tagaus mit sich herum. Sind die Kleinen dann geschlüpft, klammern die sich an Mama fest und lassen sich von ihr durchs Leben tragen, bis sie alt genug sind, selbst auf Jagd zu gehen.
Schlechtes Image
Was passt am »bösen« Image: Das oft sehr schöne Netz ist kein stimmungsvolles Fotomotiv, sondern knallhart als Todesfalle konzipiert. Und: Spinnen sind sehr giftig. Nicht für uns Menschen, auch wenn der ein oder andere Medienhype etwas anders suggeriert. Spinnen benutzen ihr Gift als Jagdwaffe, damit lähmen sie die Beute und können sie dann töten und aussaugen. Als Beute zählen für Spinnen je nach Größe Blattläuse, Mücken, Fliegen, Heuschrecken. Asseljäger fressen Asseln und Krabbenspinnen schnappen sich gerne Bienen und Schwebfliegen, wenn die arglos die Wohnblüte der Spinne zu bestäuben versuchen.
Nur keine Angst
Menschen gehören nicht zum Beuteschema. Spinnen laufen weg vor uns. Wenn wir eine Spinne in die Enge treiben, dann – und nur dann – kann es sein, dass sie im äußersten Notfall zubeißt. Oder es versucht. Aber die menschliche Haut ist für die meisten Arten zu dick, als dass sie durchkäme. Allenfalls Kreuzspinnen oder Wolfsspinnen könnte das gelingen. Dasselbe gilt für die Nosferatuspinne, die als wärmeliebende Art in Zeiten des Klimawandels das heimische Spinnenensemble erweitert. Die Schmerzen wären vergleichbar wie bei einem Wespenstich.
Acht Beine
Spinnen sind keine Insekten, das sei der biologischen Korrektheit halber erwähnt. Sie haben acht Beine, nicht sechs. Spinnen sind aber Insektenfresser. Nach Schätzungen fressen alle Spinnen auf der Welt im Jahr zusammen zwischen 400 und 800 Millionen Tonnen Insekten und andere Kleinsttiere: Hummeln, Bienen, Fliegen, Schwebfliegen, Libellen, Schmetterlinge, Wespen zählen zu ihrer Beute. Und Heuschrecken, die sind besonders begehrt bei Wespenspinnen. Die wärmeliebende Art ist in den letzten Jahren immer öfter zu entdecken. Sie sehen aus wie sie heißen und sind deshalb recht auffällig. Ihre großen Radnetze erst recht. Jede Spinne verziert ihr Netz nämlich mit einer ganz individuell geschwungenen weißen Zickzacklinie, einem sogenannten Stabiliment. Das machen auch viele andere Spinnenarten auf ganz unterschiedliche Weise, mal mit kleinen Strichen, mal sind es Kringel oder ganz komplexe Muster.
Schön vernetzt
Auch ohne Verzierungen haben Spinnen ihre jeweils eigene Technik, Netze zu weben. Baldachinspinnen wölben ihre Werke wie kleine Dächer über Gräser und Kleinsträucher. Die Spinnen selbst sind sehr klein, nur wenige Millimeter, man sieht sie kaum. Es gibt Trichterspinnen, Labyrinthspinnen, Kugelspinnen, die ihre Netze in mehreren locker-fluffigen Decken und Schichten übereinander weben. Viele Spinnen jagen allerdings auch ohne Netz, Wolfsspinnen zum Beispiel. Wenn die nicht gerade ausgelastet sind, Eier oder Kinder umherzutragen, eilen sie durchs niedrige Gras und schnappen sich Käfer und Heuschrecken.
Springspinnen haben noch eine andere Technik, der Name deutet es schon an.
Sie schleichen sich langsam an ihre Beute – Fliegen, Käfer, Mücken – heran und springen blitzschnell los, mit einem Spinnfaden als Sicherheitsleine, falls mal ein Sprung daneben gehen sollte.
Spinnen im Garten fördern
Möchten Sie Spinnen im Garten fördern, bieten Sie den Tieren Kost und Logis an. Zum Wohnen bevorzugen sie je nach Art Stauden, dichte Kräuter und kleine Sträucher, Steinhaufen und Totholzstücke mit loser Rinde zum Beispiel. Dort finden die verschiedensten Arten versteckte Plätzchen für Wohnhöhlen und Netze, und sie können direkt vor der Haustür auf die Jagd. Brennholzstapel sind beliebt und auch Nistkästen. Wer das nicht hat, kann nachhelfen und den Achtbeinern »Hotels« gestalten: Zum Beispiel umgedrehte Weinkisten mit Laub und Tannzapfen darunter. Oder einen »Doppeltopf«: Dafür stellen Sie zwei unterschiedlich große Tontöpfe ineinander, sodass dazwischen eine luftige Schicht bleibt. Diese wirkt wie eine natürliche Klimaanlage, schützt im Winter vor Frost und speichert im Sommer Wasser. Füllen Sie den Zwischenraum mit Rindenmulch, Laub, kleinen Totholzstücken oder Zapfen – darin sammeln sich Insekten, die wiederum Spinnen anlocken.
Kreuzspinnen und andere Radnetzspinnen brauchen stabile Strukturen. Große Stauden, Sträucher oder Äste, die bis weit in den Winter stehen bleiben. Geht das nicht, können Sie Stöcke und Astgabeln wie Blumenstecker an geschützten Stellen verteilen, als Netzaufhängung.
Wichtig ist auch: Dass der Garten voll ist mit Insekten. Denn Spinnen bauen ihre Netze nicht zum Wohnen, sondern zum Jagen, wie oben beschrieben. Deshalb braucht es Blüten, Blüten, nochmals Blüten und das am besten rund ums Jahr, weil Blüten Bienen und Co anlocken. Aber: auch andere Insekten sind wichtige Nahrung. Blattläuse, Mücken, Fliegen etwa. Diese lassen sich zum Beispiel »produzieren« mit verschlammten Wasserstellen, und wenn Fallobst, Hinterlassenschaften und auch ein bisschen Aas liegen bleiben darf.
Wer jetzt noch nicht ganz überzeugt ist von Spinnen im Garten: Spinnen fressen nicht nur viele Insekten, sie sind auch selbst wichtige Nahrung für viele andere Arten: sie sind ein eiweißhaltiger Leckerbissen. Vor allem für Vögel: Warum den kleinen Küken sperrige Chitinpanzer und splittrige Libellenflügel in den Schlund stopfen, wenn man doch auch eine weiche Spinne reinflutschen lassen kann? Fledermäuse pflücken sie im Tiefflug von den Blumen und aus den Netzen. Auch Hornissen, Kröten und Spitzmäuse futtern Spinnen. Und Igeln kommt es sehr gelegen, dass die Spinnen im Herbst groß und dick werden, denn die bedrohten Lieblingstiere brauchen doch Speck für den Winterschlaf.
Viele Spinnen – satte Igel
Keine Sorge, in einem spinnenfreundlichen Garten ist nicht auf einmal alles voller Spinnen. Gibt es wilde Ecken in einem Garten, mit Totholz, Brombeerhecken, Brennnesselsäumen oder hohem Gras sind die Spinnen dann eher im Hintergrund präsent. Nur wenn die Morgensonne den Tau oder Reif in den Netzen glitzern lässt, treten die Spinnen kurz ins Rampenlicht.
Sigrid Tinz
